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Dein Endodontie Podcast

Zahnunfall richtig managen: Trauma, Endo & Prognose

Prof. Dr. Gabriel Krastl über Primärversorgung (Muss–Soll–Kann), Reposition & flexible Schienung, Avulsion/Intrusion, Resorptionen und Revitalisierung bei offenem Apex.

15.09.2026 38 min ENDO.team

Video zur Episode

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Zusammenfassung & Show Notes

In dieser Folge sprechen Dr. Christoph Zirkel und Prof. Dr. David Sonntag mit Prof. Dr. Gabriel Krastl (Universität Würzburg) über die zahnärztliche Traumatologie – von der Idee hinter dem Zahnunfallzentrum Basel bis zur richtigen Primärversorgung bei Zahnunfällen. Im Fokus: das Prinzip „Muss – Soll – Kann“, die Bedeutung schneller Reposition & flexibler Schienung, die Endo-Strategie bei Avulsion und Intrusion, sowie der Umgang mit Resorptionen. Außerdem: wann bei offenem Apex abgewartet werden darf, was bei Revitalisierung/Revascularization wirklich zählt – und warum Ästhetik (Verfärbungen durch Materialien) oft unterschätzt wird. Zum Schluss geht’s um Weiterbildung, Guidelines und die Kampagne „Rettet den Zahn“

Zahnunfall in der Praxis – was muss sofort passieren?
In dieser Episode von Trauma, Endo & Prognose ist Prof. Dr. Gabriel Krastl zu Gast (Universität Würzburg, Mitgründer des Zahnunfallzentrums Basel). Gemeinsam klären wir die entscheidenden Schritte der Primärversorgung bei Zahntrauma: Dentinwunden abdecken, dislozierte Zähne reponieren und flexibel schienen – und warum falsches oder zu spätes Handeln die Prognose massiv verschlechtert.
Wir sprechen über Avulsion und Intrusion, den optimalen Zeitpunkt für die endodontische Intervention, den Umgang mit infektionsbedingten Resorptionen und die Frage: Wann kann man bei offenem Apex auf Revaskularisation hoffen – und wann muss man handeln? Außerdem gibt Prof. Krastl praxisnahe Tipps zur Reposition, zur Nutzung von Trauma-Algorithmen (z. B. per App), zur Materialwahl (Stichwort Verfärbungen) und zu Fortbildungswegen in der Traumatologie.


Erwähnte Personen/Begriffe und Links


Transkript

Willkommen bei ENDO.team, dein Podcast rund um die moderne Endodontie. Fachwissen, Impulse und echte Erfahrungen – direkt vom Experten für die Praxis. Schön, dass du zuhörst.
Christoph
00:00:09
Herzlich Willkommen zu unserem Videopodcast heute mit unserem speziellen Gast Professor Gabriel Krastl. David, vielleicht hättest du die Möglichkeit, Gabriel einmal kurz vorzustellen.
David
00:00:21
Ja, sehr, sehr gerne übernehme ich das. Das muss ich natürlich ablesen. Gabriel, auswendig gelernt habe ich deine Vita nicht. Du hast in Tübingen studiert, dann anschließend hast du dort deine Promotion gemacht, hast dann als Oberarzt einige Jahre in Tübingen gearbeitet und bist schließlich nach Basel gewechselt, hast dort mit dem Andreas Philippi zusammen das Zahnunfallzentrum gegründet und bist 2014 dann nach Würzburg auf den Lehrstuhl Zahnerhaltungskunde und Parodontologie berufen worden und seitdem dort tätig – mit deinen Interessensschwerpunkten Traumatologie, für das wir dich heute auch eingeladen haben und sehr froh sind, dass du heute gekommen bist, und selbstverständlich Endodontie und auch postendodontische Restauration. Wir würden gerne starten mit Hintergründen, ein bisschen was erfahren zu den Hintergründen, was euch damals dazu getrieben hat, überhaupt dieses Zahnunfallzentrum zu gründen. Ob es eine Notwendigkeit war, dass ihr gesagt habt, das ist einfach überfällig oder ob es ein besonderes Ereignis gab, das euch dazu gebracht hat, das ins Leben zu rufen. Magst du dazu was erzählen?
Gabriel
00:01:23
Sehr gerne, aber vielleicht zunächst einmal vielen Dank für die Einladung. Ich bin natürlich zu euch sehr, sehr gern gekommen, wobei ich sagen muss, dass ich bisherige Anfragen für Podcasts oder Video-Podcasts immer abgelehnt habe. Aber das ist jetzt das erste Mal für mich wirklich ein Gespräch unter Freunden. Das war auch eine Ausnahme.
Christoph
00:01:38
War nicht leicht, dich davon zu überzeugen.
David
00:01:41
Freut uns sehr. Vielen Dank noch mal, dass du gekommen bist.
Gabriel
00:01:43
Genau, sehr, sehr gerne. Ja, und zur Frage: Generell Traumatologie war für mich eigentlich schon immer im Fokus, seitdem ich begonnen habe an der Universität in Tübingen. Vielleicht muss ich noch ein bisschen ausholen: Eigentlich war es nie meine Intention, an der Uni zu landen. Mein Vater hatte eine Zahnarztpraxis, und für mich war eigentlich klar, dass ich die Praxis übernehmen werde. Und ich wollte eigentlich nie an die Klinik, aber das hat sich irgendwie so ergeben, weil ich damals von meinem damaligen Oberarzt Roland Weigel gefragt worden bin: Möchtest du nicht bei uns anfangen? Und dann habe ich halt angefangen, habe aber gedacht: Ja, das wird was für ein oder zwei Jahre sein, und dann bin ich weg, weil ich ja eigentlich eine Praxis wollte. Und mit ein Grund, warum ich dann geblieben bin: weil es halt viel Spaß gemacht hat. Und primär hat mir die Behandlung von Traumafällen viel Spaß gemacht. Ich hatte von Anfang an viele Nachtdienste, viele Notdienste gemacht, und das sind die Momente, wo man halt diese Traumafälle behandelt. Und das fand ich eigentlich ganz faszinierend, weil die Traumatologie ein Gebiet ist wie kein anderes, das eigentlich alle Disziplinen oder Subdisziplinen der Zahnmedizin wirklich zusammenbringt. Man muss von allem ein bisschen was verstehen – zumindest oder vielleicht auch ein bisschen mehr –, um wirklich einen Traumafall adäquat behandeln zu können. Und dann sind es auch noch Kinder, die natürlich anders zu behandeln sind und andere Therapiekonzepte haben als Erwachsene. Also deswegen war die Traumatologie für mich schon immer im Fokus. Und eigentlich war schon die Idee, in Tübingen so was zu machen, so ein Zentrum, einen Schwerpunkt für Traumatologie. Und ja, ich hatte das schon mehr oder weniger vorbereitet in Tübingen. Aber dann kam halt die Idee, dann doch nach Basel zu gehen, weil Roland Weigel nach Basel ist und mich dann gefragt hat, ob ich nicht nach Basel möchte. Und naja, und dann war ich dann plötzlich in Basel, eigentlich zuständig als Oberarzt eher für den restaurativen Teil der Zahnerhaltung. Und da war Andreas Philippi auch zufälligerweise da. Und ich meine, welchen besseren Partner gibt es eigentlich, um diese Idee der Traumatologie dann weiterzuführen?
David
00:03:35
Und so kamen die Synergieeffekte, die es dann gegeben hat, die es dann so ins Leben gerufen haben.
Christoph
00:03:40
Also Trauma war in Basel ja vorher schon ein Thema, auch wahrscheinlich mehr als bei den meisten deutschen Uni-Standorten, sodass du meinst, dass das auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Aber du hast das ja trotzdem noch mal erheblich ausgebaut, und es wurden ja zumindest in der Zusammenarbeit von dir und dem Herrn Philippi ja durchaus ein paar Methoden dann auch etabliert, die heute in den Praxisalltag Einzug gefunden haben, was damals nicht so war, vielleicht eher von Andreas mal beschrieben war. Aber wie kam es dann dazu? Ich meine: dass du dich da überhaupt rangetraut hast. Ich meine, er hat eben ja schon gesagt, als Restaurativer eigentlich eingesetzt. Wenn man heute Vorträge von dir sieht – und wir kommen ja gerade gemeinsam von einem Vortrag heute Morgen – und man sieht, was du restaurativ machst, dann weiß man selbst, was man für ein kleines Licht ist, weil das sieht immer wirklich perfekt aus. Das machst du also immer noch. Aber wie kam es dann dazu, dass das dann so ein Schwerpunkt wurde?
Gabriel
00:04:33
Naja, ich habe zwar viel im restaurativen Bereich gearbeitet, auch in Tübingen schon, aber eigentlich habe ich die Endodontie ja irgendwie mit der Muttermilch aufgenommen, weil das war ja die Abteilung in Tübingen von Claus Löst, von Professor Löst, der auch langjähriger ESE-Präsident war – also Präsident der europäischen Endo-Gesellschaft. Von daher war Endodontologie immer ein Teil davon, was man automatisch gemacht hat und letzten Endes gelebt hat. Und so hat sich das dann ergeben, dass ich jetzt mich jetzt nie einer Disziplin zuordnen würde, dass ich eher restaurativ oder endodontisch… ich bin immer so an dieser Schnittstelle gewesen und das ist ja das, was mir Spaß macht: dann alles letzten Endes zusammenzufügen. Ich kann nicht implantieren.
Christoph
00:05:13
Ja, du hast ja noch nicht versucht. Du könntest es wahrscheinlich.
Gabriel
00:05:16
Ich sage ja, aber das ist, was ich sage, immer. Das ist vielleicht der Grund, warum ich Zähne halten muss. Weil ich nicht implantieren kann. Aber ich glaube, es gibt Schlimmeres. Und von Kieferorthopädie verstehe ich auch nicht wirklich viel. Also vielleicht ein bisschen was mittlerweile. Meine Frau ist auch Kieferorthopädin, aber das können andere machen. Das Gebiet, das wir zu beackern haben, ist groß genug letzten Endes.
David
00:05:34
Aber habt ihr tatsächlich eine Initialzündung gesetzt. Das heißt, seid ihr irgendwann an die Öffentlichkeit gegangen mit dem: Wir sind jetzt das Traumazentrum? Ah ja, das habt ihr schon gemacht.
Gabriel
00:05:42
Das haben wir gemacht. Wir haben das Zahnunfallzentrum eigentlich im Jahr 2006 gegründet. Also nächstes Jahr ist ja eigentlich das 20‑jährige Jubiläum, das in Basel bestimmt auch auf die eine oder andere Art und Weise gefeiert wird. Und ich weiß noch, wir hatten damals für die Schweizer Monatsschrift für Zahnheilkunde einen Beitrag gemacht. Da sind dann zuerst Philippi und ich abgebildet. Ja, vor 20 Jahren hat sich ja schon einiges geändert. Also ich hatte tatsächlich Haare auf dem Kopf damals. Es hat sich einiges geändert. Und damals? Ich kann mich noch erinnern, da war die Überschrift: „Erstes interdisziplinäres Zahnunfallzentrum in Europa.“ So haben wir eigentlich begonnen.
Christoph
00:06:22
Und das von vielen Zahnärzten genutzte Trauma‑App, kam das dann relativ zeitnah, weil du den… weil ihr den Bedarf gesehen habt, oder wie kam es dann zu dieser Entwicklung?
Gabriel
00:06:33
Ja, ich kann gar nicht mehr sagen, wann die Initialzündung war für die Trauma‑App. Das war eigentlich immer schon eine Idee. Wobei ich jetzt nicht der Einzige bin. Da war Roland Weigel natürlich primär dran beteiligt.
David
00:06:44
Kannst du vielleicht ganz kurz für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer sagen, welche Trauma‑App das ganz genau ist? Vielleicht kennt sie nicht jeder.
Gabriel
00:06:49
Okay. Ja, es geht um die AcciDent Trauma‑App. Das ist eine App, die wir im Jahr 2011 dann lanciert haben. Wir hatten damals das Ziel, mit dieser App den Kolleginnen und Kollegen etwas an die Hand zu geben, wo man, ohne jetzt groß rumzusuchen – weil natürlich gibt es Guidelines über 20, 30 Seiten –, aber ich glaube, das hat nie ein Zahnarzt gelesen, wirklich. Sondern dass man wirklich etwas Kurzes hat, wo man ja sofort die richtige Therapie findet, weil man hat ja nicht Zeit. Ein Zahnunfall kommt ja nie angekündigt. Es ist immer lästig im Praxisalltag, zumindest für die meisten. Und dann sollen wir schnell die richtigen Informationen finden. Und das war eben im Jahr 2011.
Christoph
00:07:28
Ich meine, der Gabriel ist da immer sehr bescheiden, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen, an der Stelle mal darauf hinzuweisen, dass zumindest David und ich denken, dass das auf jedes Handy eines Zahnarztes gehört, dieses App. Und dass, wenn ein Traumafall in die Praxis kommt – und wir werden nachher noch darüber sprechen, welche Möglichkeiten es da gibt –, dass man dann dieses App rausnimmt und genau das macht, was da steht und sich keine eigenen Gedanken dazu macht. Das minimiert das Risiko, dass da was schiefgeht. Und wir werden sicherlich gleich noch vom Gabriel hören, wie wichtig er auch die Erstversorgung einschätzt. Und da der Gabriel keine Werbung für das App machen möchte, machen wir das jetzt. Also das App ist Pflicht.
David
00:08:05
Und das gibt es nicht erst seit 2011, sondern es ist auch so, dass das selbstverständlich die ganze Zeit aktualisiert wird. Ihr habt also permanente Innovationen, die stattfinden. Die werden immer wieder in diese App implementiert. Also dringende Empfehlung, kann ich auch nur noch mal bestätigen. Holt euch diese App und ladet sie auf das Handy.
Gabriel
00:08:22
Und seit letztem Jahr haben wir die Version 4.0, also aktualisiert.
David
00:08:26
Ja, wir würden gerne noch zu einem anderen Bereich kommen. Und zwar gab es, auch schon eine ganze Weile her, eine Einteilung, was ein Zahnarzt, eine Zahnärztin über Zahntraumatologie definitiv wissen muss, was jemand wissen sollte und was jemand wissen kann. Und ich glaube, obwohl das auch schon ein paar Tage alt ist, das Konzept ist heute immer noch wahnsinnig wichtig: bestimmte Dinge zu definieren, die jemand wissen muss, die über das Laienverständnis natürlich hinausgehen sollten, weil es ja nun Kolleginnen und Kollegen sind. Kannst du sagen, was aus deiner Sicht das Muss ist, was jeder Zahnarzt beherrschen muss?
Gabriel
00:09:03
Vielleicht noch mal kurz als Hintergrundinformation. Wir hatten, ich glaube 2019 war das, da hatten wir vorher so eine Spezialausgabe der Quintessenz zum Thema Trauma zu machen, und einer der Artikel, den ich dann federführend übernommen hatte, aber dann zusammen mit Roland Weigel und Andreas Philippi geschrieben hatte, war: Primärversorgung MUSS‑SOLL‑KANN. Also die Überlegung war wirklich zu überlegen, was sind wirklich absolut essentielle Dinge, die unbedingt gemacht werden müssen. Wenn man das nicht macht, dann führt das ganz sicher zu einer schlechteren Prognose des Zahnes. Dann gibt es so einen Bereich, das wäre so das absolute Optimum, wenn man die Zeit hat, Know-how usw., und ja, noch einen KANN‑Bereich mit Dingen, die man schon vorwegnehmen kann, aber eigentlich nicht muss. Das war die Idee letzten Endes, damit man das Risiko von Fehlbehandlungen oder Nichtbehandlung halt reduziert.
Christoph
00:09:54
Gabriel, du hattest gerade einmal kurz skizziert, wie es dazu kam, dass ihr das auch publiziert habt: MUSS-SOLL-KANN. Dann kommt ja logischerweise jetzt die Frage: Was muss denn so ein Zahnarzt wirklich im Traumafall wissen?
Gabriel
00:10:09
Ja, der MUSS‑Bereich sind natürlich, wie der Name schon sagt, die absoluten Minimalmaßnahmen. Wenn man das nicht macht, verschlechtert sich die Prognose. Und das wären beispielsweise bei Kronenfrakturen, dass man dafür sorgt, dass eine Dentinwunde, die vielleicht vorhanden ist, sofort abgedeckt wird, damit es nicht zu einer Infektion der Pulpa kommt. Und bei Dislokationsverletzungen geht es eigentlich immer darum, den Zahn wieder in die ursprüngliche Position zu bringen und in dieser Position mit einer flexiblen Schiene zu schienen. Also letzten Endes ist dieser MUSS‑Bereich jetzt gar nicht so wahnsinnig schwierig. Aber das Entscheidende ist, dass wirklich jede Praxis in der Lage sein muss, zumindest in diesem MUSS‑Bereich eine adäquate Primärversorgung zu machen. Das erwarten wir.
Christoph
00:10:54
Das ist ja nicht alles. Es wäre ja schon mal schön – das hast du mir mal als Tipp gegeben –, wenn so eine Praxis vielleicht auch ein Trauma‑Tray hätte, wo eine Schiene drin liegt, wo ein Komposit drin liegt, damit man sich dann im Traumafall, weil er ja doch eher unerwartet kommt, nicht alles zusammensuchen muss. Und dann haben sie die Sachen schon mal komplett. Jetzt ist es da so, dass du gesagt hast: Reponieren und Schienen ist schon mal was. Aber es gibt ja durchaus auch Dislokations‑ oder Intrusionsfälle, wo du vielleicht sagen würdest, frühzeitige Wurzelkanalbehandlung ist eigentlich auch Pflicht, in der Hoffnung, dass man Folgeprobleme verhindern kann. Was wären diese Folgeprobleme und warum sollte man dann vielleicht doch rechtzeitig was machen?
Gabriel
00:11:35
Genau, das wäre praktisch so die weitergeführte Primärversorgung. Ist jetzt nicht zwingend notwendig, am Unfalltag jetzt wirklich ein endodontisches Instrument in die Hand zu nehmen. Aber gerade bei schweren Dislokationsverletzungen haben wir primär die Avulsion und die Intrusion. Bei abgeschlossenem Wurzelwachstum ist eine Wurzelkanalbehandlung zwingend notwendig, und das sollte man nicht lange warten, sondern diese sollte idealerweise innerhalb der ersten Tage, innerhalb der ersten 2–3 Tage schon begonnen werden – mit einer antiresorptiven Einlage. Und da verwenden wir heutzutage Ledermix.
Christoph
00:12:08
Und das hat welchen Hintergrund, dass das so frühzeitig begonnen werden sollte?
Gabriel
00:12:12
Wenn man das nicht rechtzeitig macht, dann ist die Gefahr für infektionsbedingte Resorption wirklich sehr, sehr hoch. Und der zweite Punkt ist, dass man über diese antiresorptive Einlage, was man mit Ledermix macht, dass wir tatsächlich auch die Resorptionsgefahr etwas eindämmen können.
Christoph
00:12:31
Und wenn es dann, weil man vielleicht zu spät agiert hat. Oder man hat gar nichts falsch gemacht und es kommt trotzdem zu einer Resorption, siehst du dann die Möglichkeit, dass, wenn dann eine optimale endodontische Therapie durchgeführt wird, diese Resorption auch wieder zum Stehen kommen kann? Oder ist das Kind dann in den Brunnen gefallen und man muss sich über Alternativtherapien Gedanken machen?
Gabriel
00:12:50
Nein, das Kind ist eigentlich erst mal nicht in den Brunnen gefallen. Bei der infektionsbedingten Resorption ist, wie der Name schon sagt, auch die Infektion im Endodont dafür ursächlich, zusätzlich zum Schaden auf der Wurzeloberfläche. Und wenn man eben diese Infektion im Endodont beseitigt, dann wird man diese infektionsbedingte Resorption los, und in günstigen Fällen kann es dann tatsächlich zu einer parodontalen Heilung kommen – also dass sich wieder ein Parodont ausbildet und dass das dann auch langfristig eine gute Prognose hat. In vielen Fällen wird es allerdings dazu kommen, wenn die infektionsbedingte Resorption ausheilt, dass es in eine Ankylose übergeht, was natürlich auch nicht toll ist bei Patienten im Wachstum, aber zumindest hat man ein bisschen mehr Zeit gewonnen und kann sich dann die Gedanken machen, wie man weiter verfährt.
David
00:13:35
Jetzt reponiert sicherlich nicht jeder Zahnarzt einmal im Monat einen Zahn. So häufig kommen Traumata einfach nicht vor. Das heißt, es kann sein, dass die letzte Reponierung schon Jahre zurückliegt, wenn sie vielleicht gar nicht mehr so sicher ist als Zahnarzt: Mache ich das jetzt richtig? Wohin muss ich jetzt diesen Zahn drücken? Was kannst du diesen Kolleginnen und Kollegen empfehlen, die gerne das Richtige tun wollen, müssen, weil sie es eben tun müssen, um den Patienten nicht weiter zu schädigen? Was sollen die machen?
Gabriel
00:14:04
Im Prinzip sich vorher ein bisschen informiert haben letzten Endes. Ich glaube, unsere AcciDent‑App bietet da eigentlich relativ gute Informationen, auch für den Fall des Falles. Und bei der Reposition von Zähnen, also häufig haben wir es mit dislozierten Zähnen zu tun, und da haben wir am häufigsten die palatinale Dislokation an der oberen Frontzahnregion. Das bedeutet, die Zahnkrone ist nach palatinal geneigt und die Wurzelspitze geht nach bukkal raus und der Knochen ist auch häufig frakturiert. Die dünne labiale Knochenwand ist zusätzlich frakturiert, und manchmal ist der Zahn regelrecht verkeilt in dieser neuen Position. Und viele denken bei der Reposition jetzt nur an die Zahnkrone. Aber es geht nicht nur um die Zahnkrone, dass die in die richtige Position gebracht wird, sondern alle anatomischen Strukturen – auch die Wurzelspitze –, und das kann manchmal ein bisschen schwieriger sein. Da ist es wichtig, auch im Bereich des Vestibulums dann die Wurzelspitze reinzudrücken und damit auch den Knochen zu reponieren. Und wenn das im ersten Moment auch vielleicht nicht gelingt aufgrund der Verkeilung, muss man den Zahn ein bisschen extrahieren, extrudieren wirklich mit der Zange und dann nachhelfen mit dem Finger im Bereich des Vestibulums. Und dann klappt es eigentlich schon gut. Und man sollte auch nicht lange warten mit der Reposition, weil wenn sich ein Blutkoagulum gebildet hat, ist es dann umso schwieriger. Dann ist die Kraft, die man braucht, umso größer, und das ist sicherlich ungünstig für die parodontale Heilung.
David
00:15:26
Jetzt ist das für dich etwas, was nicht völlig ungewöhnlich ist. Aber schon beim Zuhören kann ich mir vorstellen, dass das nicht alle gleichermaßen gerne machen. Wenn sie da ein weinendes zehnjähriges Kind haben, bei dem man den Zahn erst noch etwas extrahieren muss, etwas rausziehen muss aus der Alveole, bevor man es richtig reponieren kann: Was ist mit Überweisen? An wen sollte man schicken, wenn man also erkannt hat, dass das jetzt das Problem ist? Es ist verkeilt. Ist die Überweisung überhaupt eine Option? Oder sollte man einfach vor sich hinbasteln, wenn man nicht direkt überweisen kann, und einfach hoffen, dass man das Bestmögliche rausholt?
Gabriel
00:16:01
Also generell ist natürlich Überweisen eine Option, und jeder muss natürlich seine Grenzen kennen und dann im Fall des Falles dann wirklich überweisen. Aber die Frage, die sich stellt: Wie realistisch ist es, dass dann der Patient wirklich zu einem – ich nenne es mal – Spezialisten kommt? Ich meine, es gibt jetzt ein paar Zahnunfallzentren. Wir haben auch in Würzburg so einen Schwerpunkt gegründet. Gibt es in Regensburg und noch an anderen Universitäten beispielsweise. Aber es ist nicht so richtig realistisch, dass man innerhalb eines definierten Zeitraums… sodass es nicht zu lange dauert, dass man wirklich zum Spezialisten kommt. Deswegen bin ich schon der Meinung, dass eigentlich jede Zahnarztpraxis diese Primärversorgung machen muss. Vielleicht eine Ausnahme bei der Avulsion. Bei der Avulsion ist es vielleicht ein bisschen anders, weil da haben wir ja die Zahnrettungsbox. Und die Zahnrettungsbox sorgt ja dafür, dass die Zellen auf der Wurzeloberfläche über mindestens 24 Stunden vital erhalten werden. Von daher: Gerade bei der Avulsion, was auf den ersten Blick ja die eindrücklichste Verletzung ist, da wäre es gar nicht so entscheidend, dass man selber den Zahn replantiert, wenn man sagt: Habe ich noch nie gemacht, will ich eigentlich gar nicht machen. Ich schick sie irgendwo hin, aber ich kann den Zahn in die Zahnrettungsbox reinbringen, und dann kann man das mit der gleichen Prognose auch am nächsten Tag noch machen. Aber jetzt intrudierte Zähne, lateral dislozierte Zähne – da wäre es eigentlich gut, das tatsächlich zeitnah zu machen. Und wenn man einen Spezialisten irgendwo um die Ecke hat, ist es natürlich ideal. Also gerade endodontisch tätige Kolleginnen und Kollegen sind dazu sicherlich eher prädestiniert, weil eigentlich generell die Traumatologie und Endodontologie schon einen großen Bezug haben. Ja, muss man entscheiden. Je nachdem, wie man sein Netzwerk hat.
Christoph
00:17:44
Vielleicht noch mal kurz zur Zahnrettungsbox der Hinweis: Da gibt es ein Ablaufdatum. Vielleicht nutzt man, wo man das jetzt hier hört, das als Gelegenheit, das mal zu überprüfen. Ist die überhaupt noch voll funktionsfähig oder…
David
00:17:56
…steht sie am Empfang? Ist die erste Frage. Da, wo sie hingehört in eine Zahnarztpraxis. Und dann: Ist sie tatsächlich noch aktuell verfügbar?
Christoph
00:18:03
Ich würde gerne noch mal auf das Thema zurückkommen mit den Resorptionen und der Trepanation und antiresorptiven Einlage. Da stellt sich doch trotzdem für uns auch in der Praxis, obwohl wir viele Traumata sehen, die Frage: Wann ist denn eigentlich der richtige Zeitpunkt für die Trepanation, und wann hat der Zahn also nicht mehr die Chance, doch eigentlich die Pulpa vital zu halten und zu revaskulieren? Offener Apex – Stichwort. Wie würdest du das einschätzen?
Gabriel
00:18:31
Du gehst jetzt auf Situationen ein mit offenem Apex.
Christoph
00:18:34
Ja, oder eben auch nicht. Vielleicht kannst du das einmal gliedern, damit der geneigte Kollege, der etwas mitnehmen möchte, dabei ist, wie er vorgeht – auch in der Entscheidungsfindung. Das ist nach wie vor für mich ehrlich gesagt nicht immer ganz einfach zu sagen. Ja, ich habe das Gefühl, der reagiert nicht auf den Vitalitätstest. Ist jetzt der richtige Moment für die Trepanation? Oder warte ich noch ein paar Monate? Verpasse ich was? Das ist ein Spannungsfeld.
David
00:18:59
Da sollte immer noch wochenlang gewartet werden. Ja. Ob er nicht doch vielleicht noch wieder sensibel wird?
Christoph
00:19:03
Ja, das ist ja trotzdem eine Frage, die sich uns in der Praxis dann stellt. Und wenn man da nicht täglich mit zu tun hat, finde ich, können wir vielleicht eine Hilfestellung geben.
Gabriel
00:19:10
Also durch zu langes Warten kann man tatsächlich vieles versauen, und die falsche Interpretation des Sensibilitätstests ist natürlich auch schwierig. Und für manche ist es vielleicht auch gewollt. Man macht einen Sensibilitätstest, wartet dann, guckt vielleicht das Kind erwartungsvoll an, irgendwann kommt schon die Antwort „Ja“. Und vielleicht ist man dann sogar beruhigt. Letzten Endes, so sage ich, muss nichts machen. Gott sei Dank. Aber letzten Endes ist die Situation relativ klar. Also bei Zähnen mit abgeschlossenem Wurzelwachstum, wenn die Dislokation ein Ausmaß erreicht, das jedem klar sein muss, dass die Pulpa abgerissen ist am Apex. Und es geht eigentlich schon relativ schnell bei Dislokationen: Bei denen sich der Zahn im Bereich der Krone um deutlich mehr als 1 mm bewegt von der ursprünglichen Position, ist die Sache klar. Die Pulpa ist abgerissen, und da braucht man nicht auf ein Wunder warten, weil Wunder passieren nie. Und dann fällt die Entscheidung eigentlich am Unfalltag: Dieser Zahn braucht eine Wurzelkanalbehandlung. Ausnahme sind natürlich Zähne mit offenem Apex. Und da spreche ich jetzt wirklich von weit offenem Apex, nicht ein bisschen offen. Also 1 mm bringt eigentlich gar nichts. Wirklich weit offene Apex, wo die Pulpa eine Chance hat zu revaskularisieren, also dass neue Gefäße hineinsprossen. Da kann man tatsächlich warten. Aber man darf nicht vergessen: Es ist immer eine Gratwanderung, denn es kann funktionieren. Also selbst ein avulsierter Zahn mit weit offenem Apex, wenn man den replantiert – er kann revaskularisieren. Funktioniert aber nur in 1/3 der Fälle.
Christoph
00:20:37
Aber gib mal bitte klare Anweisungen. Das heißt: Wir warten von mir aus 6 Wochen, dann muss es geschehen sein, und machen jede Woche einen Sensibilitätstest, oder? Wir müssten da eine klare Arbeitsanweisung hören.
Gabriel
00:20:50
Also Zahn mit weit offenem Apex, avulsierter Zahn. Er wird replantiert, und dann ist entscheidend, die Röntgenkontrollen zu machen: nach 3 Wochen, nach 6 Wochen, nach 12 Wochen. Und wenn das mit der Revaskularisation nicht funktioniert und sich eine infektionsbedingte Resorption zeigt, dann wird man die so zwischen der 3. und der 6. Woche sehen im Röntgenbild. Und man muss auch ziemlich schnell… ziemlich schnell. Und man muss auch lernen, Röntgenbilder zu interpretieren, um diese frühen resorptiven Prozesse wirklich zu erkennen und richtig zu identifizieren.
Christoph
00:21:23
Das heißt, Augenmerk auf den PA‑Spalt.
Gabriel
00:21:25
Ja, genau, genau. Also wenn man Aufhellungen sieht, die überall lateral entlang der Wurzeloberfläche sich befinden, die sowohl den Knochen als auch die Wurzeloberfläche betreffen – das sind Beginn der infektionsbedingten Resorption. Und dann wirklich sofort intervenieren.
David
00:21:40
Ich glaube, wir alle drei sehen häufig Fälle, bei denen die Intervention zu spät gekommen ist oder gar nicht gekommen ist. Was aber die Frage aufwirft: Natürlich die Abschätzung, was ist „weit“ und was ist „mittelweit“ und was ist vielleicht gerade noch schmal genug, ist ja wahnsinnig schwer. Die AcciDent‑App, die hilft zweifellos dabei, weil ja verschiedene APCs abgebildet sind – was jetzt wie weit ist, in welchem Stadium, was man machen kann. Aber wie wichtig findest du die Überweisung an den Spezialisten, an den Endodontologen, weil es ja auch um die Weiterbehandlung geht? Die Erstbehandlung ist jetzt das Muss. Aber wir können noch einen Schritt weiterdenken.
Gabriel
00:22:13
Genau. Also die Behandlung von Zähnen mit offenem Apex ist alles andere als ein Selbstläufer natürlich. Jeder denkt vielleicht, dass er die Trepanation hinbekommt, aber da beginnen eigentlich schon die Probleme. Wir bekommen viele Fälle dann überwiesen, wo die Therapie nicht funktioniert, wo man schon im ersten Moment merkt, es kann nicht funktionieren, weil schon die Trepanationsöffnung viel zu klein ist. Ich meine, Zähne, die so einen Wurzelkanal haben, brauchen auch eine Trepanationsöffnung, die daran angepasst ist, die im Prinzip genauso groß ist und an der richtigen Stelle. Also da hapert’s schon mal beim ersten Mal. Und zweitens: Dann die ganze weiterführende Therapie ist schon eher eine Sache für Spezialisten – egal ob man sich dann für ein Apical‑Plug entscheidet. Für einen Spezialisten ist es jetzt keine große Sache, wenn wir das machen. Es ist ja fast ein Selbstläufer. Aber man braucht die entsprechende Ausstattung. Man braucht ein Mikroskop und eine Lupenbrille mit gutem Licht, um die Situation wirklich gut beurteilen zu können.
Christoph
00:23:06
Jetzt hört sich das natürlich manchmal ein bisschen komisch an, wenn wir auch hier darüber sprechen, wo wir alle Spezialisten sind, dass man Patienten überweisen sollte. Das ist nicht dafür gedacht, damit wir genug zu tun haben. Es geht dabei um was anderes. Uns allen dreien geht es so, dass die Fälle, die wir teilweise überwiesen bekommen, teilweise auch zu spät sehen, dass uns die sehr beschäftigen. Weil wenn ein Jugendlicher oder ein Kind im Alter von, sagen wir mal, 10–12 Jahren, die Oberkieferfrontzähne verliert, dann ist der Frontzahn das kleinste Problem eigentlich daran, weil das einfach einen Impact auf das ganze Leben dieses Kindes oder des Jugendlichen hat. Und da wir wissen, dass die Erstversorgung so viel Gutes bewirken könnte, wenn man das richtig macht, sind uns solche Messages eben besonders wichtig. Es geht also nicht darum, dass wir genug zu tun haben. Es geht darum, für den Patienten etwas Positives zu erwirken, weil uns diese Patienten wirklich unendlich leid tun, wenn die Erstversorgung nicht adäquat ist. Darum nur, um das noch mal vielleicht geradezuziehen, weil es sich sonst ein bisschen komisch anhört.
David
00:24:06
Ich würde gerne in die zweite Rubrik mit dir reinspringen. Was sollte der Zahnarzt wissen? Und damit vielleicht auch verbunden: Wie kann der Zahnarzt sich am besten informieren, wenn es jetzt nicht nur über die App ist? Wie kann ich also mehr Wissen generieren als Zahnarzt? Am besten als nur das absolute Basiswissen. Sprich: Wann muss ich trepanieren, wann reponiere ich den Zahn wie?
Gabriel
00:24:27
Gut. Für diejenigen, die sich weiterführend informieren möchten, gibt es natürlich haufenweise Guidelines mittlerweile. Es gibt die internationalen Guidelines von der IADT, von der International Association of Dental Traumatology. Es gibt von der europäischen Gesellschaft entsprechende Position Statements. Da waren wir primär daran beteiligt. Und es gibt natürlich auch die Trauma‑Leitlinie der DGZMK, die 2020 in der letzten Version erschienen ist. Also man kann sich durchaus informieren.
David
00:24:56
Was kannst du für Tipps geben, wie man jetzt praktisch weiterkommt in Bezug auf Seminare, auf Weiterbildung, auf Hands‑on‑Kurse? Kannst du da auch einen Tipp geben?
Gabriel
00:25:08
Gut, für diejenigen, die eigentlich tief in die Traumatologie einsteigen möchten, gibt es ja beispielsweise ein Traumatologie‑Curriculum von der APW. Das kann man machen. Das sind 3 Wochenenden, wo auch viele praktische Anteile vorhanden sind, wo wir auch tatsächlich Trepanationsübungen machen, auch wenn sich das relativ banal anhört im ersten Moment, ist es aber absolut nicht banal und von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wird das wirklich positiv aufgenommen, weil dann plötzlich der Groschen fällt. Dann sieht man, wo die Probleme eigentlich sind.
David
00:25:41
Ja, aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Hinweis: Traumatologie‑Curriculum von der APW, wo man tatsächlich nicht nur das theoretische Wissen auffrischen kann, wie eben in den ganzen Guidelines, die du schon erwähnt hast, sondern eben auch dann Hand anlegen kann, um zu wissen, wie mache ich es wirklich? Ich denke, das gibt vielen mehr Selbstvertrauen.
Christoph
00:25:58
Was hat sich denn aus deiner Sicht – du machst das ja jetzt auch schon ein paar Tage; ich glaube, ich weiß gar nicht, wir haben uns, glaube ich, vor 25 Jahren schon kennengelernt und darüber unterhalten – was hat sich aus deiner Sicht in den letzten Jahren oder Jahrzehnten im Bereich Trauma und auch Therapieansätzen geändert, vielleicht auch im Hinblick auf Revitalisierungen oder Ähnliches?
Gabriel
00:26:17
Ja, ich meine, wenn man ehrlich ist: Viel von dem Wissen, was man heutzutage in der Traumatologie hat, hatten wir auch im letzten Jahrtausend schon, Ende des letzten Jahrtausends. Das sind die biologischen Gründe. Ich meine, wir haben ja beide im letzten Jahrtausend oder alle drei im letzten Jahrtausend unsere Staatsexamen gemacht, und die ganzen biologischen Grundlagen wurden eigentlich schon erarbeitet. Vieles in der Arbeitsgruppe von Jens, sowie Andreas in Skandinavien, ist ja wahnsinnig viel Wissen eigentlich etabliert und publiziert worden. Also das meiste war eigentlich da, aber leider nicht so richtig bekannt. Und auch heute arbeiten wir noch dran, dass dieses Wissen wirklich schön transportiert wird. Dann ist die Frage: Was ist wirklich neu? Also ich denke, der Punkt, den du angesprochen hast, die Revitalisierung – das ist schon eines der neueren Konzepte. Wobei mittlerweile ist es auch schon 20 Jahre her, dass die ersten Fälle publiziert worden sind zur Revitalisierung.
Christoph
00:27:07
Obwohl es jetzt schon so alt ist: Aber würdest du sagen, es ist ein praxistaugliches Konzept, was jetzt jeder in sein Repertoire aufnehmen muss?
Gabriel
00:27:16
Na ja, wie soll ich sagen… Es ist praxistauglich für diejenigen, die es können. Es geht nicht darum, das einfach mal auszuprobieren. Wenn man das vielleicht einmal im Jahr hat und dann gerne mal ausprobiert, ist es nicht das Richtige. Ich denke schon, dass es eher in Spezialistenhand gehört.
Christoph
00:27:31
Aber worum geht es denn dabei? Hol uns mal ab.
Gabriel
00:27:34
Ja, also bei der Revitalisierung geht es darum, bei einem Zahn mit offenem Apex – ich sage mal pauschal – dafür zu sorgen, dass wieder vitales Gewebe hineinkommt in den Zahn, um dem Zahn die Möglichkeit zu geben, sein Wurzelwachstum fortzuführen. Das sind ja Zähne mit ganz dünnem Dentin. Wenn die natürlich frakturempfindlich sind… Und wenn man das schafft, dass neues Gewebe hineinwächst, dass das Wurzelwachstum weitergeht, kann man ja davon ausgehen, dass der Zahn langfristig eine bessere Prognose hat.
Christoph
00:28:02
Hängt also schon mal von der richtigen Indikationsstellung ab.
Gabriel
00:28:04
Ja, die Indikation muss stimmen und dann letzten Endes auch die Durchführung an sich. Das sind in der Regel 2 Sitzungen. Dann in der ersten Sitzung unterscheidet sich jetzt die Therapie nicht wirklich von einer normalen Endo. Es geht um wieder Trepanation und um möglichst optimale Desinfektion. Ich meine, das ist ja genauso wichtig. Nur: Bei der Revitalisierung ist natürlich der Grad der Desinfektion noch entscheidender, weil eine Endo funktioniert auch nicht, wenn wir noch Mikroorganismen haben. Aber bei der Revitalisierung, dass wirklich Gefäße da hineinsprossen und Zellen da wachsen – da müssen wir die Bakterien wirklich möglichst eliminieren.
David
00:28:40
Man lässt kein Restgewebe zurück. In aller Regel. Das ist ja die Grundidee.
Gabriel
00:28:46
Genau, genau. Also. Und eben kein Gewebe: zuerst mal alles rausnehmen, dann die Desinfektion, und in der zweiten Sitzung dann überinstrumentiert man, versucht eine Blutung zu provozieren. Dann steigt das Blut an, und das Blut nimmt dann Stammzellen, die sich im Bereich der apikalen Papille befinden, in den Wurzelkanal hinein, und vereinfacht dargestellt sollen diese Stammzellen sich dann differenzieren zu zahnhartsubstanzbildenden Zellen, sodass idealerweise das Wurzelwachstum weitergeht. Hört sich ja alles schön und einfach an, aber...
Christoph
00:29:17
Einlage zwischendrin?
Gabriel
00:29:19
Einlage aus heutiger Sicht Calciumhydroxid. Da gab es unterschiedliche Meinungen im Laufe der letzten 20 Jahre. Von manchen wurde eine triantibiotische Mischung favorisiert. Mittlerweile – also auch schon seit 10 Jahren – ist man eher bei Calciumhydroxid, und wir arbeiten momentan gerade wieder an der Aktualisierung des europäischen Position Statements unter der Leitung von Matthias Widbiller von der Universität in Regensburg. Und ich denke, dass dieses neue Position Statement dann nächstes Jahr 2026 erscheinen wird.
Christoph
00:29:51
Und dann kommt es zum Einbluten, sagtest du. Und man erhofft die Differenzierung der Stammzellen. Und wie geht es dann weiter? Auch im Recall?
Gabriel
00:29:59
Ja, und dann im Recall geht es dann darum...
Christoph
00:30:02
Vielleicht muss man nur sagen, wie verschließen – was jetzt blutet das da ein –, und da waren wir noch.
Gabriel
00:30:05
Okay. Das blutet ein, steigt an, und dann ist die Idee zu warten, bis sich ein Blutkoagulum bildet. Ich meine, so richtig festes Blutkoagulum hatte ich eigentlich selten. Meistens ist es irgendwie ein Matsch. Und dann versucht man dann, seinen hydraulischen Kalziumsilikatzement – so wie wir ihn beispielsweise – dann drauf zu machen. Noch was drunter. Um es ein bisschen stabiler zu haben, macht es auf jeden Fall Sinn, da ein bisschen Kollagen zu verwenden. Dann hat man eine etwas stabilere Schicht und dann Biodentin und dann der Verschluss mit Komposit.
Christoph
00:30:30
Warum das Biodentin und kein anderes Material?
Gabriel
00:30:33
Genau, das ist auch ganz entscheidend. Also generell auch bei vitalerhaltenden Maßnahmen, dass wir immer an Zahnverfärbungen denken. Ich meine, das sind ja Kinder eigentlich. Und die Kinder werden älter, und vielleicht ist im Alter von 8 die Ästhetik nicht so wichtig, aber spätestens mit 12, mit 13 ist die Ästhetik plötzlich wahnsinnig wichtig. Weil der Patient oder die Patientin oder das Kind… man guckt nicht morgens in den Spiegel und sagt: „Super, mein Zahn ist vital oder ist revitalisiert.“ Sondern man sieht: Man sieht nur die Verfärbung. Und klassische hydraulische Silikatzemente wie das MTA verfärben halt wirklich massiv, und manche hydraulische Silikate verfärben nicht oder deutlich weniger. Und deswegen finde ich es wahnsinnig wichtig, diesen Aspekt der Verfärbung auch wirklich zu berücksichtigen. Und da kann man wirklich einiges falsch machen. Und das ist auch mit ein Grund, warum das eher von Spezialisten gemacht werden sollte.
Christoph
00:31:22
Jetzt hatte der David ja gerade schon angesprochen, das Gewebe soll entfernt werden. Wir müssten das vielleicht einmal abgrenzen: die Revitalisierung zu dem Fall, wo wir apikal vielleicht auch einen vitalen Pulpastumpf haben und den belassen können.
David
00:31:36
Im Sinne einer Vitalerhaltung anzuwenden. Wenn es also zur Avulsion gekommen ist oder zu einer starken Dislokation, wir keine apikalen Entzündungsgeschehen haben, sondern eben noch eine sensible Pulpa erhalten möchten.
Christoph
00:31:49
Im apikalen Anteil. Wir erleben das ja. Du hast in der koronalen Hälfte, zwei Drittel, eine nekrotische Situation und ganz apikal findest du doch noch – eben weil die Pulpa so eine gute Abwehrlage hat – einen vitalen Pulpa‑Reststumpf. Wie würdest du das einschätzen?
Gabriel
00:32:04
Vitales Gewebe zu belassen ist natürlich immer sinnvoll. Die Frage ist, wie einfach es ist, das wirklich zu differenzieren. Und selbst unterm Mikroskop und für den Spezialisten: Ist das Gewebe gut? Ist es schlecht? Also es ist relativ mühsam. Ich denke mir das einfach raus: „When in doubt, take it out.“
Christoph
00:32:23
Ja, ist ja ein wichtiger Hinweis, weil sonst ist ja so: Wenn man sich mit dem Thema nicht weiter auseinandersetzt, würde man irgendwann eine Blutung sehen und sich freuen und versuchen, es zu halten. Aber deshalb denke ich schon, das ist ein Problem, das auch die Kollegen oder wir auch in der Praxis täglich vorfinden können.
David
00:32:40
Ja, du unterrichtest nicht nur, du schreibst nicht nur an Leitlinien mit, sondern du forschst natürlich auch. Was ist für dich das Nächste, was sozusagen kommen könnte, was im Augenblick die brennende Frage ist in Bezug auf Forschung – wie es weitergehen könnte, was die Traumatologie und vor allem dann den Erhalt der Sensibilität, der Vitalität, vielleicht den nächsten Schritt nach vorne bringen könnte? Gibt es da etwas, wo du sagst: Das ist das heiße Thema, an dem man im Augenblick arbeitet?
Gabriel
00:33:07
Na ja, wo wir generell ein Problem haben, ist in der Zahnmedizin tatsächlich den Zustand der Pulpa irgendwie zu erfassen. Ich meine, wir haben den blöden Sensibilitätstest und bilden uns ein, wenn der Patient sagt „Ja, ich spüre was“, also wenn die nervale Versorgung dann noch irgendwie da ist, dass wir dann bestimmen können. Vielleicht stimmt es auch meistens, aber es stimmt nicht immer, und daraus resultieren viele Probleme. Und es sind schon einige Versuche unternommen worden, echte Vitalitätstests zu machen. Und es gibt entsprechende Geräte. Man kann über die Laser‑Doppler‑Flussmessung das letzten Endes erfassen. Man kann über Pulsoxymetrie das Ganze machen, aber das funktioniert eigentlich nur in einem universitären Setting im Rahmen von wirklichen Studien. Es gibt leider kein praxistaugliches Mittel...
Christoph
00:33:51
Und dentales MRT?
Gabriel
00:33:53
Ja, natürlich, das funktioniert wunderbar. Aber überweist mal zum Radiologen mit der Fragestellung: „Bitte um Abklärung, Vitalität Zahn 1.1.“ Da werden wir wahrscheinlich ausgelacht. Aber es kann natürlich sein, dass sich die Technik entwickelt. Wir haben keins. Die ¾ Millionen haben wir nicht zur Verfügung und auch nicht den Platz. Ich glaube, das braucht 24 Quadratmeter, ist relativ groß...
Christoph
00:34:15
Und ist auch mit Türen noch ganz gut.
Gabriel
00:34:17
Mein Büro ist ein bisschen kleiner und ja, also sinnvoll wäre es. Und es kann schon sein tatsächlich, dass sich MRT‑Technik so weit miniaturisiert im Laufe der nächsten 20 Jahre, dass wir MRT‑Technik in der Zahnmedizin wirklich routinemäßig nutzen können. Und dann wäre es auch schön für den echten Vitalitätstest.
David
00:34:34
Meine Frage zielt so ein bisschen auch in Richtung Biomarker: dass wir feststellen, wie die Prognose ist, wie der Verlauf sein könnte. Ist da etwas zu erwarten aus deiner Sicht in den nächsten 10 Jahren – zu erhoffen sicher, aber zu erwarten?
Gabriel
00:34:49
Ja, wie du es auch sagst: zu erhoffen schon, aber ich kann es wirklich nicht sagen, wie sich das entwickelt. Also die Idee ist, dass man dann über Biomarker Rückschlüsse zieht über den Zustand der Pulpa, ob das, was noch da ist, wirklich erhaltungsfähig ist oder nicht. Und es gibt ja ein paar Untersuchungen. Die Frage ist, wie mühsam das Ganze nachher tatsächlich ist und ob man es in den Alltag, in die Routinebehandlung tatsächlich implementieren kann. Also werden wir es sehen. Spannend bleibt es jedenfalls.
Christoph
00:35:18
Gibt es zum Abschluss vielleicht etwas, was du unbedingt loswerden möchtest und den Zuschauern und Hörern mitgeben möchtest, um ihren Alltag zu erleichtern oder die Überlebensrate der Zähne bei Jugendlichen und Kindern zu erhöhen?
Gabriel
00:35:32
Also ich kann nur generell sagen: Traumatologie ist ein wahnsinnig spannendes Fach. Und damit die Prognose traumatisierter Zähne wirklich gut ist, müssen wir alle zusammenarbeiten. Nicht nur Zahnärztinnen und Zahnärzte, sondern auch Patienten eigentlich. Also vieles kann man schon am Unfallort versauen. Und aus dem Grund haben wir ja letztes Jahr eine große Kampagne lanciert von der DGET: die Kampagne „Rette deinen Zahn“, wo es darum geht, Patienten zu informieren über das richtige Verhalten am Unfallort. Das ist schon mal ein entscheidender Punkt. Und der zweite Punkt ist natürlich, dass die Zahnarztpraxis dann auch die richtigen Konsequenzen zieht, die richtige Therapie gerade in der Primärversorgung macht. Und ich denke, wenn beides zusammenkommt – nur wenn beides zusammenkommt –, nur dann können wir davon ausgehen, dass es auch gut ausgeht mit dem traumatisierten Zahn.
David
00:36:23
Wir haben noch eine allerletzte, eher persönliche Frage: Was wärst du geworden, wenn du nicht Zahnarzt geworden wärst?
Gabriel
00:36:29
Eine extrem gute Frage. Ich hatte tatsächlich mal an Schreiner gedacht. Also ich arbeite schon immer gerne mit Menschen.
Christoph
00:36:35
Jetzt war ich natürlich sehr artig und eigentlich weißt du, was der David…
David
00:36:41
Ja, in meinem ersten Leben war ich Tischler. Das heißt, ich habe eine Ausbildung als Möbeltischler gemacht und bin danach Zahnarzt geworden.
Gabriel
00:36:46
Wahnsinn. Okay.
David
00:36:48
Die gedankliche Alternative von dir tatsächlich.
Christoph
00:36:51
Du kannst ja andersrum machen. Das ist ja wahnsinnig. Du kannst doch Tischler werden.
David
00:36:54
Du hast das Zeug dazu.
Gabriel
00:36:56
Ob ich das kann, weiß ich nicht. Oder ob es zu spät ist?
David
00:36:58
Lieber Gabriel, wir danken dir ganz, ganz herzlich, dass du uns heute so tiefe Einblicke gegeben hast in die Traumatologie, dass du die Mühe auf dich genommen hast, herzukommen, dass du dir die Zeit genommen hast. Ganz herzlichen Dank.
Christoph
00:37:09
Vielen Dank für das Gespräch.
Gabriel
00:37:11
Extrem gerne, mit euch hat es wirklich Spaß gemacht.
Christoph
00:37:13
Dann machen wir mal einen zweiten Teil davon.
David
00:37:15
Danke sehr.
Moderation
00:37:17
Das war eine Expertenausgabe des ENDO.team Podcasts. Weitere Inhalte, Services und Fortbildungen findest du auf www.endo.team. Abonniere jetzt und bleibe immer gut informiert.

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