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Dein Endodontie Podcast

Revision oder Wurzelspitzenresektion?

Die WSR-Debatte im Praxisalltag

27.10.2026 21 min ENDO.team

Zusammenfassung & Show Notes

Revision zuerst oder direkt zur Wurzelspitzenresektion (WSR)? Prof. Dr. David Sonntag und Dr. Christoph Zirkel diskutieren Indikationen, Grenzen und Entscheidungswege – von adhäsiv befestigten Stiften über persistierende apikale Läsionen bis zur Rolle von DVT/CBCT und Retroprep. Praxisnah, kontrovers und mit klaren Take-aways für die tägliche Endodontie. 

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In dieser Episode des ENDO.team Podcasts steht die Frage im Mittelpunkt: Revision oder Wurzelspitzenresektion (WSR)?
Prof. Dr. David Sonntag und Dr. Christoph Zirkel beleuchten praxisnah, welche Faktoren bei der Entscheidung eine Rolle spielen – von adhäsiv befestigten Metall- und Zirkonoxidstiften über überpresstes Füllmaterial bis hin zur Bedeutung von DVT/CBCT für die Diagnostik.
Die Diskussion reicht von klassischen Indikationen über die Risiken eines unnötigen Substanzverlusts bis hin zu klinischen Einschätzungen bei persistierenden apikalen Läsionen. Dabei geht es auch um die Frage, wann eine Retroprep unabdingbar ist, welche Situationen ein Abwarten rechtfertigen und wo die Gefahr einer Übertherapie besteht.
Die beiden Experten teilen Erfahrungen aus der täglichen Praxis, differenzieren zwischen Zysten und Granulomen und geben konkrete Tipps für eine patientenorientierte Entscheidungsfindung.
Fazit: Die Revision bleibt Standard – die WSR ist eine wertvolle Option, aber nur mit klarer Indikation.

Weitere Links:
  • 00:43 - Erfolgsraten: Revision vs. Wurzelspitzenresektion
    Die Diskussion über Revision als notwendige Voraussetzung wird durch Studien unterstützt, die zeigen, dass die chirurgische Endodontie initial höhere Erfolgsraten aufweist (77,8% bei 2-4 Jahren), während die nicht-chirurgische Revision langfristig bessere Ergebnisse zeigt (83,0% bei 4-6 Jahren) PubMedJournal of Endodontics.
    Literatur: Ng YL, et al. "Outcomes of Nonsurgical Retreatment and Endodontic Surgery: A Systematic Review." Journal of Endodontics 2008;34(2):131-137.
  • 01:27 - 02:23 - Stifte und Indikation zur WSR
    Bei Zähnen mit intraradikulären Stiften zeigen Studien Erfolgsraten von 73,3% bei nicht-chirurgischer Behandlung versus 66,7% bei chirurgischer Mikrochirurgie, wobei die Stiftlänge und Befestigungsart entscheidende Faktoren sind PubMedWiley Online Library.
    Literatur: Stueland LT, et al. "Treatment outcome of surgical and non-surgical endodontic retreatment of teeth with apical periodontitis." International Endodontic Journal 2023;56(5):666-678.
  • 04:27 - 04:52 - Retropräparation bei WSR
    Die retrograde Präparation und Versiegelung ist entscheidend für den Erfolg der WSR, wobei moderne ultraschallunterstützte Techniken mit weniger abgeschrägter Wurzelresektion bessere Ergebnisse zeigen durch reduzierte Dentinpermeabilität PubMed Central.
    Literatur: Kim S, Kratchman S. "Modern endodontic surgery concepts and practice: a review." Journal of Endodontics 2006;32(7):601-623.
  • 04:52 - 05:28 - Moderne Mikrochirurgie-Erfolgsraten
    Moderne endodontische Mikrochirurgie zeigt Langzeiterfolgsraten von 80,5% über 5 Jahre, wobei Frontzähne (OR=5,4) und Zähne mit Kronenversorgung (OR=10,2) signifikant bessere Erfolgsraten aufweisen als Molaren PubMed CentralWiley Online Library.
    Literatur: Song M, et al. "Prognostic Factors of Long-Term Outcomes in Endodontic Microsurgery." Journal of Clinical Medicine 2020;9(7):2210.
  • 08:28 - 09:16 - CBCT vor Wurzelspitzenresektion
    CBCT wird vor chirurgischen Eingriffen empfohlen, da es in 48% der Fälle zu Änderungen im Behandlungsplan führt und die dreidimensionale Beurteilung von Läsionsausdehnung, anatomischen Strukturen und vestibulärer Knochenlamelle ermöglicht ADA JadaPubMed Central.
    Literatur: Special Committee to Revise the Joint AAE/AAOMR Position Statement on use of CBCT in Endodontics. "AAE and AAOMR Joint Position Statement: Use of Cone Beam Computed Tomography in Endodontics 2015 Update." Journal of Endodontics 2015;41(9):1393-1396.
  • 09:51 - 11:20 - Persistierende apikale Läsionen und Narbengewebe  
    Studien zeigen, dass 95-97% der Fälle, die nach 1 Jahr als erfolgreich eingestuft werden, auch langfristig (5 Jahre) erfolgreich bleiben, wobei die Unterscheidung zwischen echten Zysten und Narbengewebe klinisch herausfordernd ist PubMed Central.
    Literatur: von Arx T. "Apical surgery: A review of current techniques and outcome." Saudi Dental Journal 2011;23(1):9-15.
  • 10:59 - 11:20 - Größenkriterium 5mm für Läsionen
    In der Literatur wird die 5mm-Grenze als Schwellenwert diskutiert, wobei Läsionen über 5mm niedrigere Erfolgsraten bei nicht-chirurgischer Behandlung zeigen und häufiger eine chirurgische Intervention erfordern PubMed Central.
    Literatur: Friedman S. "Prognosis of initial endodontic therapy." Endodontic Topics 2002;2:59-88.
  • 13:02 - 13:33 - Prävalenz von Zysten vs. Granulomen
    Die Literatur zeigt eine große Variabilität in der Prävalenz: Periapikale Granulome werden mit 45-85% angegeben, während periapikale Zysten zwischen 15-44% der chronischen periapikalen Läsionen ausmachen, wobei echte Zysten seltener sind als Taschenzysten PubMed CentralScienceDirect.
    Literatur: Nair PNR. "New perspectives on radicular cysts: do they heal?" International Endodontic Journal 1998;31(3):155-160.
  • 13:59 - 14:33 - Initialbehandlung vor chirurgischem Eingriff
    Die endodontische Primärbehandlung zeigt kumulative Erfolgsraten von 82-90% bei Zähnen ohne apikale Läsion und 69-81% bei Zähnen mit apikaler Läsion, wobei die orthograde Behandlung grundsätzlich der chirurgischen Intervention vorzuziehen ist PubMed Central.
    Literatur: Ng YL, et al. "Outcome of primary root canal treatment: systematic review of the literature – Part 2. Influence of clinical factors." International Endodontic Journal 2008;41(1):6-31.
  • 16:19 - 17:29 - Überpresstes Füllmaterial
    Langzeitstudien über bis zu 35 Jahre zeigen, dass überpresstes Wurzelfüllmaterial bei vorhandenem dreidimensionalem apikalem Verschluss die Heilung nicht negativ beeinflusst, wobei eine progressive Resorption des extrudierten Materials beobachtet wird PubMed CentralPubMed.
    Literatur: Ricucci D, et al. "The fate of overfilling in root canal treatments with long-term follow-up: a case series." Giornale Italiano di Endodonzia 2021;35(1):45-54.

Transkript

Willkommen bei ENDO.team, deinem Endodontie-Podcast mit Dr. Christoph Zirkel und Prof. David Sonntag. Zwei Perspektiven, eine Leidenschaft. Los geht's.
David
00:00:11
Herzlich willkommen zum ENDO.team Podcast. Heute mit dem Thema: Die WSR‑Debatte – Revision oder Resektion. Mein Name ist David Sonntag und mir gegenüber sitzt
Christoph
00:00:22
Christoph Zirkel. Und schön, dass ihr heute wieder dabei seid. Ja, David, das ist ja eine Frage, die wir uns immer mal wieder stellen müssen und auch häufig in den Kursen gestellt bekommen. Dementsprechend die Frage an dich: Was ist denn deine Indikation für Revision und deine Indikation zur Resektion?
David
00:00:44
Das scheint einfach zu sein. Das scheint einfach zu sein, weil die Revision ja die notwendige Voraussetzung ist, um das Kanalsystem keimfrei zu bekommen. Also Revision ist quasi immer die Standardgeschichte. Die Frage ist, kann ich einen Fall alleine durch eine Revision lösen oder brauche ich noch die zusätzliche Resektion? Und da ist das Thema wirklich sehr, sehr komplex. Aber ich starte erstmal mit der Frage, so wie ich es verstanden habe: Wann ich eine alleinige Wurzelspitzenresektion bevorzugen würde, wann ich die nehme. Ist das richtig? War das deine Frage?
Christoph
00:01:18
Kannst du gerne. Du kannst eigentlich über alles reden, womit du dich wohl fühlst. Wenn das deine Antwort sein soll, dann fang damit an.
David
00:01:26
Auch das ist sehr schwierig. Wir haben Stifte, von denen ich glaube, dass ich sie nur sehr schwer oder nur vielleicht herausbekommen würde. Das wäre zum Beispiel ein adhäsiv befestigter Metallstift oder ein adhäsiv befestigter Zirkonoxidstift. Da habe ich große Schwierigkeiten, den rauszubekommen. Wenn ich dann noch das Problem habe, dass wir vielleicht eine neue Restauration, eine neue Frontzahnrestauration drauf haben, das wäre schon für mich eine Indikation, wo ich nur die Wurzelspitzenresektion sehen würde.
Christoph
00:01:59
Dann müssten wir da vielleicht nicht noch ein bisschen tiefer einsteigen und zumindest dann auch über die Stiftlänge sprechen.
David
00:02:05
Absolut. Du hast völlig recht. Wenn es ein sehr kurzer Stift wäre, ist das normalerweise gar kein Problem, den herauszubekommen. Wenn aber das wirklich so ganz klassisch altmodisch zwei Drittel Stiftlänge, ein Drittel Rest unten ist und das Ganze ist adhäsiv befestigt mit einem metallischen Stift oder Zirkonstift, dann ist das schon sehr, sehr schwer.
Christoph
00:02:23
Also ich muss ja zugeben, ich bin ja total gerne deiner Meinung. Hier fällt es mir schwer, weil ich das immer erstmal versuche, weil es doch viele gibt, die im koronalen Anteil zwar adhäsiv befestigt sind, aber die adhäsive Befestigung setzt sich nicht konsequent dann ins apikale Drittel fort. Das haben die häufig auch gar nicht hingekriegt. Da sind ganz dünne Zementfugen. Insofern: Ich versuche dann schon das erste Mal, und gerade bei den Metallstiften habe ich den Eindruck, wenn man da mal ein bisschen die Kühlung etwas weglässt… Mir ist schon klar, dass es irgendwann, wenn es über 10 °C Temperaturerhöhung an der Außenseite der Wurzel kommt und es zu Denaturierung von Eiweißstrukturen kommt, dass das nicht ideal ist. Aber mit reduzierter Kühlung erwärmt sich das da, und diese Kompositfuge wird so ein bisschen plastisch. Und die Metallstifte gehen dann schon raus. Zirkonoxidstifte braucht man länger, gehen aber dann häufig auch raus. Weil diese Verbünde adhäsiv gar nicht so wahnsinnig gut sind. Ist eine Geduldfrage.
David
00:03:12
Bin ich bei dir. Das Problem ist ja nur Folgendes: Die Patientinnen und Patienten, die wissen normalerweise gar nicht mehr, wie das Ding befestigt ist. Also sehe ich das Röntgenbild, ich gucke auf das Röntgenbild und denke: Ach, passt schon, geht schon. Und dann bohre ich in diesen Zahn rein, sehe, dass es adhäsiv befestigt ist. Und das ist ja nicht der Zeitpunkt, wo ich dann sage: Nee, jetzt hören wir auf. Sondern es ist der Zeitpunkt, wo man dann weitergeht und Ewigkeiten rumbastelt, bis man das rausbekommen hat. Ich wüsste es gerne vorher und dann würde ich die Entscheidung treffen.
Christoph
00:03:37
Ja, aber ich wollte nur ganz kurz an die Realität erinnern. Da ist es nämlich genau so, wie du es gerade sagst, dass man es dann doch erstmal versucht. Und natürlich gibt es Stifte, wo ich das abbreche, weil ich sage, hier steht der Substanzverlust, den ich erzeuge, nicht im Verhältnis zu dem Nutzen, den ich daraus… Das ist vielleicht häufig bei mir dann eher ein Ego‑Problem, dass ich sage: Ich will das aber raus haben. Das ist schön. Je älter man wird, umso eher kann man das Ego hinten anstellen und im Sinne des Patienten entscheiden. Insofern kommt das schon eher zu. Das macht aber dann trotzdem nur Sinn – du hast ja am Anfang über die Entfernung der Keime gesprochen, das ist ja schon irgendwie eines unserer Ziele – das macht aber nur Sinn, wenn man dann zumindest vermutet, dass ich im Rahmen der Resektion eine Retroprep Richtung Stiftende kriegen kann oder dass ich da möglichst nicht viele Hohlräume unbehandelt lasse.
David
00:04:27
Absolut. Also Retroprep ist aus meiner Sicht sowieso immer erforderlich, vollkommen egal, wer die Wurzelfüllung oder wer die Revisionsbehandlung gemacht hat. Also auch wenn ich eine Wurzelfüllung mache, möchte ich danach gerne eine Retroprep haben, weil das einfach ein anderer Zugang ist zum Kanalsystem als den, den wir klassisch gewählt haben – wir schlicht und ergreifend von der anderen Seite, mit Isthmen und allen anderen Optionen. Und wenn ein Stift vorhanden ist, dann muss bis zum Stift runterpräpariert werden. Genau.
Christoph
00:04:53
Ich glaube, über die technische Ausführung der WSR werden wir vielleicht noch mal mit jemandem sprechen, der sich da besser auskennt als wir beide. Also ich habe früher durchaus häufig WSRs gemacht. In den letzten 20 Jahren kommt es seltener vor, sodass mir manchmal die Übung fehlt. Es gibt schon viele Fälle, die ich dann wegschicke. Also ich habe früher Ober- und Unterkiefer bis Sechser/Siebener gemacht. Auf die Idee würde ich heute nicht mehr kommen. Gerade im Unterkiefer sehen wir natürlich auch viele Probleme. Man muss sich schon gut überlegen, ob man nicht ein mögliches Implantatbett kaputt macht, wenn die Wurzeln da weit lingual stehen. Wir haben vestibulär eine starke Knochenlamelle. Da entscheide ich mich häufiger für die Extraktion als für die WSR, um ehrlich zu sein.
David
00:05:28
Wann schickst du denn weg? Wann lässt du… Wann siehst du für dich die Indikation zur WSR, nachdem du revidiert hast, speziell?
Christoph
00:05:36
Ja, also ich versuche mal abzuschätzen: Wer hat die initiale Behandlung gemacht? Oder wenn jetzt ein Generalist die gemacht hat. Man spricht mit dem Patienten, der hat vielleicht kein Mikroskop, keine Lupenbrille gehabt oder hat mit Hedström‑Feilen da Endomethasone drin. Dann würde ich jetzt versuchen, das erstmal zu revidieren. Jetzt hat aber die Initialbehandlung… die hast du gemacht und dann warst du nicht da. Und dann wird der Patient… kommt nach Köln. Dann würde ich sagen, das kann ich jetzt auch nicht besser. Dann entscheide ich mich natürlich viel früher für die Wurzelspitzenresektion als therapeutischen Weg. Und diagnostisch: Wenn ich jetzt sehe im Rahmen eines DVTs, dass ich im Allgemeinen vor der Überlegung, ob ich einen chirurgischen Eingriff mache — also ich weiß schon, dass wir die Entscheidung Zyste oder Granulom nur histologisch treffen können — nichtsdestotrotz ist es ja so, wenn wir da größere raumfordernde Prozesse sehen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Zyste größer. Da gibt es schon auch Sachen, wo ich früher zur WSR neige, weil ich sage, erfahrungsgemäß ist das eine Zyste und das wird schiefgehen. Und da kann ich jetzt so viel revidieren, wie ich will. Die Initialbehandlung muss aber trotzdem gut sein, ja.
David
00:06:43
Also sehr gute Initialbehandlung ist die Voraussetzung. Da finde ich es immer schwieriger geworden, im Röntgenbild zu erkennen. Früher war es im Röntgenbild gut zu erkennen: Da haben die guten Zahnärzte, die haben vielleicht schon mit Nickel‑Titan‑Feilen gearbeitet. Die schlechten Zahnärzte, so sage ich es mal ganz plakativ, haben noch Hedström‑Feilen verwendet und…
Christoph
00:07:03
…auch die gute Ergebnisse erzielen konnten. Also das war wahrscheinlich nicht das Maß der Dinge.
David
00:07:06
War nur seltener der Fall. Und heute? Mit dem modernen Nickel‑Titan‑System ist es sehr, sehr schwer geworden, anhand eines zweidimensionalen Röntgenbildes zu erkennen, ob ein Fall wirklich gut gelöst worden ist oder ob er es nicht wurde.
Christoph
00:07:20
Ja, also ich kann das logischerweise auch nicht abschätzen. Aber was natürlich schon zunimmt, ist, dass es Zuweiser sind, von denen ich weiß, wie die arbeiten. Die haben vielleicht ein Curriculum gemacht, die machen hervorragende Endodontie. Und ich dachte ja früher immer, dass mir meine Überweiser irgendwann mal wegbrechen, wenn so viele eine Zusatzausbildung machen. Das Gegenteil ist der Fall. Die sind super ausgebildet und sagen: Das kann ich, das kann ich nicht. Und wenn mir einer von denen was schickt, und das sind, sagen wir vielleicht sogar einwurzelige Zähne, wo ich sage, da kann der jetzt nichts übersehen haben, oder auch im DVT sind bei einem Molaren vier oder fünf Kanäle behandelt, dann würde ich dazu neigen zu sagen: Das kann ich jetzt auch nicht mehr viel besser, auch wenn mir klar ist, dass ich da die Bakterien nicht im DVT sehen kann. Aber wenn ich dann noch das Gefühl habe, dass es ein raumfordernder Prozess ist, der auch fortschreitet, also der progredient ist, dann würde ich eher dazu neigen, auch eine Wurzelspitze… und dann, wenn das jetzt im molaren Bereich ist oder anatomische Strukturen angrenzen — weil die Frage war ja, wann schicke ich weg — dann schicke ich das eher weg. Also die einwurzeligen Zähne traue ich mir nach wie vor zu, auch minimalinvasiv unter dem Mikroskop. Aber so eine palatinale Wurzel 1.6, würde ich… 1.7 würde ich heute wegschicken, wenn es überhaupt Sinn macht.
David
00:08:27
Wir haben eben gerade schon über das DVT gesprochen. Machst du immer ein DVT, bevor du die Entscheidung triffst: Wurzelspitzenresektion oder nicht?
Christoph
00:08:35
Ja, weil ich die wahre Ausdehnung sonst nie sehen kann. Und ich möchte schon wissen: Grenze ich hier an irgendwelche anatomischen Strukturen? Wie groß ist der Prozess wirklich? Wie habe ich hier… ist das nach palatinal oder nach vestibulär schon perforiert? Brauche ich eine Membran? Brauche ich Bio… wie auch immer. Also ich operiere nicht gerne ohne DVT. Das war früher leichter, da habe ich immer ohne DVT operiert. Und dann sahen die Prozesse auch viel kleiner aus, als sie in Wirklichkeit waren, was dazu geführt hat, dass ich es angegangen habe. Wenn ich immer gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich das nicht gemacht. Heute ist es so, dass ich es schon für wichtig erachte, dass die Schnittführung möglicherweise möglichst nicht über der Knochenhülle nachher liegt. Und das fällt dir leichter abzuschätzen, wenn du ein DVT hast.
David
00:09:17
Wie du weißt, mache ich ja gar keine Chirurgie. Ich treffe die Entscheidung: Braucht dieser Patient jetzt eine Wurzelspitzenresektion oder braucht er keine? Diese Entscheidungsfindung, vor der stehe ich auch immer, ohne die chirurgischen Aspekte nachher mit beachten zu müssen. Da finde ich es auch sehr, sehr hilfreich, das DVT zu haben. Also selbst dann, wenn man es nachher nicht machen möchte, um überhaupt zu wissen, wohin die Reise geht. Das heißt, im Unterkiefer finde ich es besonders wichtig, eine Vorstellung davon zu haben, wie viel Knochen vestibulär vorhanden ist, um, wie du sagst, das Implantat nicht vollständig zu zerstören für später.
Christoph
00:09:52
Kommen wir noch auf eine andere Problematik zu sprechen. Also muss denn der Patient zwingend eine Symptomatik haben, dass du darüber nachdenkst? Oder gibt es auch asymptomatische Verläufe, wo du einfach nur röntgenologisch nach wie vor eine apikale Läsion detektierst und dich für eine WSR entscheidest? Ich will speziell auf die Problematik mit dem ausfallenden Narbengewebe hin.
David
00:10:13
Ja, ja, jetzt ist es ja so, dass die Patienten üblicherweise dann aufschlagen, wenn sie Probleme haben. Also sehe ich sicherlich häufiger Probleme oder Patienten mit Problemen und einer apikalen Aufhellung, als dass ich Patienten sehe, die kein Problem haben, aber eine residuale apikale Aufhellung. Du hast es ja angesprochen. Der Verlauf ist absolut entscheidend. Man braucht die präparativen Bilder, man muss sich alte Bilder anfordern oder im Zweifelsfall auch noch mal einfach ein Jahr zu warten und sich selbst dann… um sich selbst ein Bild machen zu können und dann die Entscheidungen treffen ab einer gewissen Größe. Und da haben wir natürlich ein riesen, riesen Problem. In der Literatur wird unterschieden, so ab 5 mm bis 5 mm, größer als 5 mm. Das geht alles auf 2D‑Röntgenbilder. So ist es eben im Augenblick. Also wenn etwas größer als 5 mm ist und es persistiert, kann man sich überlegen: Ist das Narbengewebe oder nicht? Aber wenn etwas 5,5 mm groß wäre oder 6 mm und es steht da seit drei Jahren und es ist genau so, wie es… es verändert sich gar nicht. Dann würde ich nicht hergehen und eine Wurzelspitzenresektion machen.
Christoph
00:11:20
Also das ist ein Punkt, der mir extrem schwerfällt, muss ich ehrlich sagen, weil das würde ja dann genau gleichermaßen auf unsere Revision zutreffen.
David
00:11:28
Vollkommen richtig. Ja, das ist… Dann kommt eben der Punkt, den du angesprochen hast. Der ist absolut entscheidend: Wie sieht die Wurzelfüllung aus? Das heißt, wenn die Wurzelfüllung gut gemacht ist, wenn du weißt, wem du das… zu einem Endodontologen, der das vorher gemacht hat, nach allen Regeln der Kunst, und du hast diese persistierende apikale Aufhellung. Der Patient hat keine Beschwerden. Sie wird nicht größer, sie wird nicht kleiner. Ist ja die Frage: Was tue ich da eigentlich?
Christoph
00:11:53
Ja. Je länger ich das mache, umso schwerer tue ich mich damit. Dass ich manchmal nicht weiß: Tue ich dem Patienten überhaupt was Gutes jetzt damit, mit der Empfehlung der Revision oder Resektion? Und deshalb bin ich schon ein Freund davon, dass man auch mal guckt: Ändert sich da was? Und wie wahrscheinlich ist das, dass das da unten jetzt Narbengewebe ist bei einer super aussehenden Endo, wo das über Jahre gleich ist, fällt es mir leichter zu sagen, ich warte mal ab. Sowieso, wenn der Patient keine klinische Symptomatik hat, als bei einer mittelmäßigen oder schlecht aussehenden Wurzelfüllung. Auch wenn das immer noch nichts heißt. Die Ausgangssituation könnte ja eine Vitalextirpation gewesen sein, dann sind da eh keine Keime. Die ganze Problematik ist uns ja bewusst. Ich will ja nur sagen, ich tue mich gar nicht so leicht damit, diese Entscheidung, auch Revision manchmal zu treffen, weil ich gar nicht weiß, tue ich dem damit einen Gefallen. Auf der anderen Seite, wohlwissend, dass es die Studien gibt, die zeigen, welche Auswirkungen die chronischen apikalen Läsionen, wenn es sich um ein Granulom handelt, für den Gesamtorganismus haben können. Und dazwischen hadere ich schon immer. Und bestimmt gibt es Patienten, die ich übertherapiere. Das kann ich überhaupt nicht ausschließen.
David
00:13:02
Absolut, absolut. Das werden wir alle. Also wir schwanken immer dazwischen. Ein Ritt auf Messers Schneide, ob das eine Über- oder eine Unterversorgung ist, die wir da machen. Gerade die Endodontologen treffen Entscheidungen, die sicherlich nicht immer richtig sind. Und wenn wir überlegen, wie viel Prozent Zysten es gibt und wie viel Prozent Granulome es gibt, dann ist man ja doch als Endodontologe überrascht, wenn man in die Literatur schaut. Da ist doch wesentlich häufiger laut Literatur Zysten vorhanden sind, als man als Endodontologe glauben mag. Es sind um die 40 % echte Zysten, der Rest ist Granulome.
Christoph
00:13:33
Ja, da gibt es, glaube ich, schon viele verschiedene Studien zu. Also die Zysten würden wir, auch wenn es vielleicht in der internationalen Nomenklatur nicht immer so gesehen wird… aber wir würden es ja trotzdem unterscheiden in echte Zysten und Taschenzysten. Diese Zysten, die also den epithelial ausgekleideten Hohlraum offen zum Kanalsystem haben, wo man weiß, dass die ganz gut auf endodontische Behandlung ansprechen können, wo dann vielleicht nachher noch ein Epithelsaum da bleibt. Das sind auch Profis.
David
00:14:00
Das siehst du ja nicht.
Christoph
00:14:02
Nein, nein, das sehe ich nicht. Aber ich würde auch die Zyste… auch wenn ich die Vermutung habe Zyste, würde ich schon erst die endodontische Behandlung durchführen, weil das könnten auch 15 % sein, sodass es gut sein kann, dass auch die echten Zysten nur 15 % oder etwas mehr sein können. Ich halte aber schon für sinnvoll, und das möchte ich schon hier mitgeben, dass die initiale Therapie eine Wurzelkanalbehandlung ist und nicht initial chirurgisch überlegt wird. Und kommen wir jetzt mal auf so Basics zurück. Was ich schon sehe, sind resezierte Zähne, die niemals trepaniert worden sind. Und das, glaube ich, passt in kein Behandlungskonzept.
David
00:14:33
Da bin ich… da bin ich bei dir. Wann glaubst du denn, dass du eine Zyste vorliegen hast? Du trepanierst einen Zahn, du gehst auf Patency, erweiterst den. Wann ist bei dir der Glaube da? In dem Augenblick, wo du trepaniert hast, auf Patency gehst und erweiterst? Oder ist das vorher anhand der Größe der Läsion, die du im 2D‑ oder auch im 3D‑Röntgenbild siehst?
Christoph
00:14:54
Nein, anhand der Größe kann ich es nicht sagen. Richtig ist nur: Je größer, umso wahrscheinlicher. Aber wir können auch riesengroße apikale Granulome haben. Gibt es. Habe ich ja jede Menge. Hat jeder von uns jede Menge Fälle zu. Für mich ist es eine andere Sache entscheidend. Interessanterweise, und zwar im Rahmen des Spülens, siehst du manchmal so kleine Fettaugen oben auf der Spülflüssigkeit. Das sind häufig Bestandteile einer Zyste, sodass ich dann sagen kann: Hören Sie zu, ich kann es nicht genau sagen, aber ich habe hier Indizien dafür. Es kann sein, dass wir nach der Behandlung später im Rahmen der Kontrollen feststellen, dass es nicht so abheilt wie gewünscht und dass wir noch eine chirurgische Intervention nachschieben müssen. Das ist für mich eine Indikation, wo ich sage, das schreibe ich mir auf, und dann muss ich gut gucken, damit ich mich später dran erinnere.
David
00:15:37
Fettaugen kann ich gar nicht so sagen. Das ist dann, wenn mein Winkelstück noch ein bisschen restliches Öl hat, dann hast du eine Menge. Dann könnte ich ein Fettauge sehen. Was bei mir tatsächlich… was ich sehe: Wenn ich den Kanal nicht trocknen kann, wenn Flüssigkeit permanent nachkommt, dann Flüssigkeit von unten aufsteigt, dann bin ich bei dir. Ich mache natürlich auch erst die Wurzelkanalbehandlung und möchte gerne, dass diese Flüssigkeit sistiert. Ich möchte gerne, dass nichts mehr austritt, dass ich den Kanal trocknen kann. Und dann hatten wir gerade kürzlich einen Fall, wo wir uns trotzdem anschließend für die Wurzelspitzenresektion entschieden haben, was eine richtige Entscheidung zu sein schien — zumindest laut Pathologie. Sodass wir da auch nur schwer eine Abgrenzung treffen können. Und das ist tatsächlich ein Bauchgefühl. Ein Punkt, den ich noch habe, ich weiß nicht, wie du damit umgehst, Christoph, wo ich vom Bauchgefühl weggehe: Das ist überpresstes Füllmaterial. Und ich spreche hier nicht von ganz kleinen Sealerresten, sondern wirklich von Guttapercha‑Fragmenten, die insbesondere bei der Revision auftreten können. Wenn ich also eine infizierte Vorsituation habe und ich habe Material, das über die Wurzelspitze geschoben ist — das ist für mich schon eine Indikation für die Wurzelspitzenresektion. Wenn der Patient kommt mit Beschwerden, einer großen Aufhellung, und es wurde schon bei der Initialbehandlung Material überpresst, dann erkläre ich den Patienten von Anfang an: Das kriege ich niemals raus, was jenseits des Kanals ist an Material. Und da erwäge ich schon direkt beim Erstgespräch, dass wir erst die Revision machen und dann die WSR. Machst du das auch so?
Christoph
00:17:13
Nein, mache ich nicht so, weil ich primär nicht glaube, dass das überpresste Material ursächlich für die persistierende apikale Läsion ist.
David
00:17:21
Das glaube ich auch nicht. Es sind die Bakterien. Aber ich gehe davon aus, dass die Bakterien an diesem überpressten Material hängen, so wie sie auch im Kanal sich befinden.
Christoph
00:17:30
Kann man von ausgehen, weiß ich aber nicht, ob das stimmt, um ehrlich zu sein. Also A: Die Frage ist, was ist überpresst? Meistens ist es ja Sealer oder Guttapercha‑Sealer‑Gemisch. An Guttapercha können Bakterien nicht so toll anhaften. Das Hauptbestandteil ist Zinkoxid. Da wächst nicht viel. Der Sealer? Weiß ich nicht. Der wird irgendwann resorbiert. Eigentlich würde ich sagen, der Körper schafft das mit dem überpressten Material. Anders sieht das aus, wenn man das Richtung Kieferhöhle presst. Da wissen wir selber: Hauptnährboden für die Aspergillose ist Zinkoxid. Das sieht dann schon anders aus, dass man das engmaschig kontrollieren muss. Wir kennen Fälle mit Aspergillose‑Infektionen, die dann bis zur Teilresektion vom Oberkiefer reichen können. Da bin ich 100 % bei dir. Ansonsten würde ich das ziemlich entspannt sehen und erstmal abwarten, ob das abheilt oder nicht. Weil ich die Resektion immer noch nachschieben kann.
David
00:18:16
Freue ich mich, dass wir kontrovers sind an der Stelle. Irgendwas Kontroverses mussten wir ja haben.
Christoph
00:18:20
Ja, wir haben ja immer mal wieder andere Ansätze. Ich hätte mir gewünscht, dass wir irgendwas haben, wo ich immer Recht habe. Aber…
David
00:18:27
…vielleicht hast du recht.
Christoph
00:18:29
Das ist leider nicht so, und das sehen wir ja bei ganz vielen Bereichen der endodontischen Behandlung: unterschiedliche… einen unterschiedlichen Zugang zu der Therapie, unterschiedliche Durchführung der Therapie. Und trotzdem sind die Erfolgsquoten alle ungefähr gleich. Es gibt nicht die eine Wahrheit. So gern ich das hätte, und dass am liebsten meine ist — das wäre mir natürlich noch viel lieber. Aber ich mache das inzwischen lang genug, und ich weiß, was ich in den letzten Jahren alles geändert habe. Und es ist nicht auf ein paar Dinge herunterzubrechen, und vieles hat seine Berechtigung. Und wer heilt, hat sowieso recht. Und deshalb kann ich auch viele verschiedene Meinungen gelten lassen. Aber ich für mich muss halt sagen, ich halte eine Wurzelspitzenresektion jetzt nicht für vergnügungssteuerpflichtig und würde diesen Weg so spät wie möglich gehen.
Moderation
00:19:10
Das Fazit.
David
00:19:12
Wenn wir versuchen, eine Zusammenfassung hinzubekommen, ein Fazit zu machen, dann ist es sicherlich, dass man in Zweifelsfällen ein DVT anfertigen sollte, um die Größe der Läsion abklären zu können. Um den Schaden, der bei der Wurzelspitzenresektion gesetzt wird, im Sinne von Knochenverlust vorher abschätzen zu können, ob man — oder inwieweit man — eine Zerstörung des Implantatbettes vornimmt. Dann ist die Revision immer das Erste, was wir anstreben. Und nur in Ausnahmefällen, nämlich dann, wenn wir glauben, es auch technisch nicht besser hinbekommen zu können — also eine zweite Revision nicht zielführend erscheint —, dass wir dann auch direkt dahin gehen würden und sagen: Jetzt kommt die Wurzelspitzenresektion.
Christoph
00:19:56
Ja, also ich halte es schon für sinnvoll, dass die Kollegen abschätzen: Sind da alle Kanalanteile gefunden und behandelt? Und nur dann kann diese Überlegung weitergehen. Es ist schon relativ schwierig, wenn Kanalanteile nicht gut gereinigt sind oder gar nicht gefunden worden sind, die Wurzelspitzenresektion durchzuführen, retrograden Verschluss zu machen und hoffen, dass man die Bakterien darin einmauern kann. Da würde ich dringend von abraten.
David
00:20:17
Finde ich auch schwierig.
Christoph
00:20:19
Ja, insofern hoffen wir sehr, dass ihr ein bisschen was aus dieser Folge mitnehmen konntet und würden uns freuen, wenn ihr uns demnächst auch wieder folgt.
David
00:20:26
Herzlichen Dank, dass ihr wieder dabei wart.
Christoph
00:20:28
Herzlichen Dank!
Moderation
00:20:30
Das war dein ENDO.team Podcast mit Dr. Christoph Zirkel und Prof. David Sonntag. Studien, Meinungen und Klartext findest du auch auf ENDO.team. Jetzt abonnieren und keine Folge mehr verpassen.

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